Ansaatwiesen

Die ANL befasst sich seit über 20 Jahren intensiv mit Wiesenvegetation (Dauerbeobachtung, Vegetationsaufnahmen, Nutzung, Bewirtschaftungsvereinbarungen, Neuansaaten). Hier möchten wir Ihnen zeigen, worauf wir bei der Arbeit mit Wiesen besonderen Wert legen.

Die Einmaligkeit jeder Wiese

Das Aussehen einer Wiese wird durch weit mehr bestimmt als durch die Ansammlung bestimmter Pflanzenarten auf einem Stück Boden. Dies illustrieren beispielhaft die beiden nachstehend abgebildeten Wiesenbestände aus einer Neuansaat. Die Unterschiede im Aspekt und in der Struktur sind offensichtlich. Erstaunlicherweise sind sie in ihrer Artenzusammensetzung praktisch identisch. Sie sind aus derselben Samenmischung hervorgegangen und zum selben Zeitpunkt angesät worden – aber nicht am selben Ort. Es gilt: Die Standortverhältnisse bestimmen, welche Wiese an einem Ort überhaupt möglich ist. Diese simple Einsicht ist auch mit der besten Wildblumen-Samenmischung nicht zu umgehen.

Ansaatwiese Linn

Salvia in Ansaatwiese


Rücksicht auf regionstypische Entwicklungen.

Alte Wiesen setzen sich aus einem Mosaik regionaler, standortangepasster Arten und Sorten zusammen. Weil jeder Standort unterschiedliche Wuchsbedingungen für Pflanzen bietet, haben sich die jeweils am besten angepassten Exemplare an einem Ort am stärksten ausgebreitet. Frühere Methoden der Anlage neuer Wiesen (Heugrassaat, Spontanbegrünung) verwendeten denn auch Pflanzenmaterial aus nächster Umgebung. So entstand langsam eine regionstypische Zusammensetzung ganzer Wiesengesellschaften mit Pflanzen, Insekten und Bodenorganismen, die sich laufend weiterentwickelte.

Hornussen, Rüti

Grenchner Witi

Diese Kontinuität ist heute unterbrochen. Weil sich die Ansprüche der Landwirte an den ihre Wiesen (Ertrag, Futterqualität) drastisch verändert haben, werden Wiesen heute in verschiedener Hinsicht intensiver genutzt. Insbesondere das erhöhte Nährstoffniveau und die grössere Mahdleistung und gröbere Schnittechnik der Geräte schaffen Wuchsbedingungen, die nur von wenigen Pflanzenarten ertragen werden respektive viele Arten zum Vornherein ausschliessen. Fazit: Auch eine passende Artengarnitur am richtigen Ort genügt als Voraussetzung für eine lebendige, vielfältige Wiesengesellschaft noch nicht. Wiesen als wertvolle Lebensräume brauchen Kontinuität und Regionalität.

Lebendige Wiesen erfordern Geduld

Langfristigkeit ist eine absolute Voraussetzung für lebendige Wiesen. In der heutigen Zeit, mit raschem Wechsel von Prioritäten, Anforderungen und der allgemeinen Meinungs- und Marktsituation ist es eine schwierige Aufgabe, dies zu gewährleisten. Es geht aber um mehr als um die Erhaltung der Wiesen als Lebensraum. Wiesen machen die Qualität einer Lanschaft aus.

Die Entwicklung einer Wiese bis zur kompletten Lebensgemeinschaft braucht sehr viel Zeit. Die folgende Darstellung illustriert dies schematisch am Beispiel einer Neuansaat auf einem mässig feuchten, mässig nährstoffreichen Boden. Die Zeitangaben sind als Grössenordnung zu verstehen und sind stark vom Standort abhängig.

0: Im Ansaatjahr sehen wir ausser den kurzlebigen Ackerbegleitkräutern fast nichts.

1: Nach ein bis zwei Jahren können wir feststellen, welche der eingesäten Arten überhaupt aufgewachsen sind.

5: In den folgenden Jahren ist vieles möglich. Die Bestandeszusammensetzung schwankt von Jahr zu Jahr stark, verschiedene Arten entwickeln sich kurzfristig dominant, bevor sich ihr Bestand wieder verkleinert.

10: Nach ca. 5-6 Jahren ist die ‚Jugendentwicklung‘ der Wiese vorüber. Die Schwankungen in der Zusammensetzung nehmen ab. Es steht fest, welche Arten längerfristig den Bestand ausmachen.

x10: Nun erst setzt die sehr langsam verlaufende, Jahrzehnte dauernde Umwandlung der Ansaat zur stabilen Dauerwiese ein. Jetzt erst bilden sich die standorttypischen Verteilungsmuster der Pflanzen bzw. ihrer Sorten, stellt sich eine starke Durchwurzelung des Oberbodens ein, siedeln sich Insekten, Schnecken, Bodenorganismen, Moose an. All dies gehört ebenso zur Lebensgemeinschaft Wiese, wie die Pflanzenarten

 

Vielfalt der Wiesen – ein Klassifikationsproblem

Aufgrund der reichen Erfahrungen rund um den Themenbereich Wiesen hat die ANL ein den heutigen Bedingungen angepasstes, praxistaugliches Klassifikationssystem für Wiesen entwickelt. Eindeutige, leicht nachvollziehbare Schlüssel-Kriterien sind dabei ebenso wichtig wie die wissenschaftliche Haltbarkeit der Einteilung. Dem bisher unscharf definierten, hohlen Begriff "artenreich" wird darin eine klare Bedeutung gegeben. Weitere Begriffe zur Charakterisierung einer Wiese werden z. T. neu vorgeschlagen, insbesondere für Neuansaaten.

Beurteilung einer Wiese

Nähere Charakterisierung mittels
Einfachem Zeigerartensystem:

  • trockene Magerwiese

  • frische Magerwiese

  • wechselfeuchte Magerwiese

  • Nasswiese

  • Ried

 

Verschiedene Varianten, definiert
durch Ansaatmischung:

  • trockene Variante

  • frische Variante

  • feuchte Variante

  • nasse Variante

 

Das System basiert auf der Tatsache, dass artenarme Wiesen einfacher und eindeutiger definierbar sind als artenreiche. So werden in einem ersten Schritt Bestände, in denen eine Gruppe von ‚Negativ-Zeigerarten‘ eine kritische Häufigkeit überschreitet, unabhängig von der übrigen Artengarnitur klassiert. Dies hat folgende Vorteile:

In einem zweiten Schritt können Bestände, die botanische Mindestanforderungen erfüllen, mit einem einfachen Zeigerarten-System weiter charakterisiert werden. Die Zeigerarten-Liste ist regional anpassbar, d.h. die Beurteilung erfolgt unter Berücksichtigung regionaler Gegebenheiten. Bestehende Grundlagen können mitberücksichtigt werden.

Die Beurteilung und Klassifikation von Wiesen bezüglich ihrer botanischen Zusammensetzung ist ein häufig notwendiger Arbeitsschritt im Natur- und Landschaftsschutz. In der Regel stellt sich dort die Frage ob – und falls ja in welchem Mass – ein bestimmter Pflanzenbestand erhalten oder gefördert werden soll, beispielsweise mittels Beitragszahlungen an den Bewirtschafter.

Die Klassifikation und Nomenklatur von Pflanzengesellschaften ist ein eigenes Forschungsfeld (Pflanzensoziologie). Deren Methoden und Resultate sind aber in der Praxis nicht direkt anwendbar. Zudem setzte sich die Wissenschaft bevorzugt mit den botanisch reichhaltigsten, flächenmässig aber relativ unbedeutenden Wiesentypen auseinander. Für die verbreitete 'Durchschnittswiese' bestehen nur wenige, ältere wissenschaftliche Grundlagen. Umweltveränderungen und neue Bewirtschaftungsverfahren in der Landwirtschaft haben sich aber auf die Zusammensetzung der Wiesen ausgewirkt. In den letzten Jahren wurden nebst den herkömmlichen Kunstwiesen neu auch Heuwiesen mit Wildblumensaatgut nach definierter Mischungsrezeptur angelegt, insbesondere im ökologischen Ausgleich. Für die Beurteilung dieser 'neuen' Wiesen ist ein Vorgehen nach traditionellen, rein pflanzensoziologischen Kriterien verfehlt. Die von der ANL entwickelte Methode bietet eine Lösung zu diesem Problem.

 

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