Hochstamm-Obstbäume

Spezialprodukt alte Obstsorten
Augenweide und Gaumenfreude

Heiner Keller, Zeihen

Ohne sachgerechte Nutzung keine Zukunft für traditionelle Kulturlandschaften. Zur Erreichung eines Einkommens und einer beständigen Kundenbindung sind aber wesentliche Verbesserungen bei der Baumpflege, der Ernte, der wertschöpfenden Haltbarmachung und der Kommunikation der Zusammenhänge zwischen traditioneller Kulturlandschaft und Konsumenten erforderlich.

Die jährlichen Ausstellungen "Apfelsorten aus Zeihen und Umgebung" haben Tradition. Sie sind Teil des Nationalen Aktionsplanes (Projekt NAP 20) zur Erhaltung alter Kultursorten und werden vom Bundesamt für Landwirtschaft finanziell unterstützt. Präsentiert und zur Degustation angeboten werden vor allem Früchte von Hochstamm-Obstbäumen. Die Sortenvielfalt bietet Chancen für den Direktverkauf und die Herstellung spezieller regionaler Produkte.

Hochstamm-Obstbäume und regionale Apfelsorten haben eine lange Geschichte. Da früher jeder Landwirt seine Hochstammbäume selber pflanzte und nach eigener Erfahrung und Gutdünken veredelte, hatte jede Region eigene Sorten. Eine hohe Sortenvielfalt garantierte in unterschiedlichsten Lagen einen jährlichen Ertrag. Die Lebensbedürfnisse, Verfügbarkeit von Arbeitskräften, die Möglichkeiten von Produktion, Pflanzenschutz, Transport, Ertragserwartung und Qualitätsanforderungen waren vor 70 Jahren völlig anders als heute. Wichtig war, dass für verschiedenste Verwendungszwecke und Haltbarmachungen (Selbstversorgung) geeignete Früchte zur Verfügung standen. Heute sind die Einkaufszentren ganzjährig mit frischen, qualitativ einheitlichen, global gehandelten Weltsorten für den täglichen Konsum versorgt.

Hochstamm-Obstbäume und die fast unüberblickbare Anzahl an regionalen Sorten spielen heute für die Produktion von Obst (Tafelobst, Obst zum Dörren, Sterilisieren, Kochen) wirtschaftlich keine Rolle mehr. Selbst das Mostobst ist kaum mehr gefragt, wie die letztjährig erzielbaren Preise dokumentieren. Die Folge dieser geringen Wertschätzung sind sterbende Bäume. Wenn für die noch vorhandenen Feldobstbäume nicht ein einigermassen kostendeckender Ertrag über Produkte und Beiträge erzielt werden kann, verschwinden weitere erlebnisreiche Landschaften.

Ausstellung und Präsentation

Die Galerie Doracher in Oberzeihen bemüht sich, eine Verbindung zu schaffen zwischen Landschaft, Früchten, Obstverwertung, Geschichte, Kunst und regionaler Wirtschaft.

Schwerpunkt der jährlichen Aktivitäten ist die Apfelausstellung. Äpfel der gleichen Sorte werden mit einem feinen Draht an ihren Stielen angeknüpft. Sauber nummeriert und (wenn sicher bestimmbar) mit Namen versehen, werden die Früchte dekorativ an Holmen und Sprossen von Holzleitern befestigt präsentiert. Vielfalt ist ein abstrakter Begriff, unter dem man sich kaum etwas vorstellen kann. Erst wenn man sieht, wieviele verschiedene Formen, Farben, Grössen es gibt, wie sie sich in Oberfläche, Stiellänge, Reifezustand und Ausbildung unterscheiden, beginnt man ob der überraschenden Fülle zu staunen. Unbeschreiblicher Duft von Obst erfüllt die Räume in der ehemaligen Scheune. Wo erleben sie heute noch reife (bis überreife) Äpfel, unverpackt, in verschwenderischer Menge? Niemand kann sich diesen starken Eindrücken, dem Gefühl von Ernte und Reichtum an der Ausstellung verschliessen.

Anschauen allein genügt nicht

Nach dem Staunen und dem Riechen kommt bei den Besuchern fast automatisch eine leise Euphorie, ein Bedürfnis nach Aktivität. Etwas tun. Zum Beispiel erzählen. Erzählen, was man über Äpfel selber weiss. Erlebnisse aus früheren Zeiten. Es sind natürlich eher ältere Leute, die aufgrund konkreter Jugenderinnerungen eine starke Bindung zu bestimmten Sorten haben und diese auch treffsicher kennen. Dann gibt es eine Gruppe von Wissbegierigen. Sie haben Interesse, sie erinnern sich vage, sie haben selber Bäume. Oft kennen sie die Sorten nicht. Sie sind dankbar für Hilfen beim Bestimmen und für ermunternde Ratschläge. Die von Besuchern mitgebrachten Früchte werden laufend aufgeknüpft und in die Ausstellung integriert. Das bereichert und animiert. Zahlreiche Personen kommen mehrmals und bringen noch fehlende Sorten.

Reinbeissen sollte man natürlich auch noch können. Auch der Gaumen muss auf seine Rechnung kommen. Konsumenten, die Ausstellungen besuchen, sind Geniesser. Sie sind bewusst und offen für Neues. Ein spezielles Produkt muss deshalb auch ein bestimmtes Lebensgefühl vermitteln. An der eine Woche dauernden Ausstellung werden verschiedene Apfelsorten und Apfelsäfte (Süssmost) zu Degustation und Verkauf angeboten: Jakob Lebel, Brugger Reinette, Ananas Reinette, Baschiapfel, Champagner Reinette, Chüsenrainer, Danziger Kant, Goldreinette von Blenheim, Goldparmäne, Habermehler, Hans-Ueli, Menznauer Jäger, Schärliapfel, Möriker, Portugiesische Lederreinette, Sauergrauech, Süssgrauech, Usterapfel, Weisser Basler (Mistapfel), Winterzitrone, Wildmuser, Wilerrot.

Es zeigt sich, dass es in einem apfelreichen Jahr schwierig ist, an Ausstellungsbesucher Früchte zu verkaufen. Ein besonderes Interesse finden die Süssäpfel, die man früher zum Süssen von Speisen brauchte. Zahlreiche ältere Leute zeigen sich von heutigen Früchten bestimmter Sorten (z.B. Goldparmäne, Gravensteiner) enttäuscht, weil diese im Geschmack anders seien, als sie in Erinnerung haben.

Animation

Trotz Werbung können sie nicht erwarten, dass sich auf einmal Scharen von Leuten für das Thema interessieren. Wie erreichen sie mehr Leute? Sicher ist eine gewisse Kontinuität und Koordination der Aktivitäten, die sich letztlich in einer Mund-zu-Mund Propaganda auszahlt, notwendig. Über den einmaligen Ausstellungsbesuch und das passive Schauen hinaus muss ein Umfeld geschaffen werden, das zum selber probieren animiert. Wer beginnt beispielsweise seine Äpfel selber zu mosten?

Interessante Erfahrungen brachten Schulklassen, die die Ausstellung besuchten. Schüler tragen das Thema in ihre Familien. Sie bringen selber Äpfel mit. Wichtig ist, dass Schüler unter Anleitung etwas machen können: Zeichnen, beschreiben, bestimmen, Geschichten erzählen, zuschauen beim Mosten. Wichtig ist das Degustieren. Die meisten Kinder spüren sehr feine Geschmacksunterschiede, oft ohne dass sie es selber wissen. Ihre Erfahrungen mit Äpfeln sind sehr bescheiden. Kaum jemand weiss, welche Geschmacksvielfalt bei Früchten aus der Region vorkommt. Kennen tut man nur die vereinheitlichten knackig-saftigen, nicht zu süssen und nicht zu sauren Weltsorten, die alle ähnlich schmecken. Dass man auch andere essen kann, ist ein Wissen, das offenbar langsam verloren geht. Wer kennt findet und schätzt sie wieder, die sauren, die süssen, die mehligen, die frühen, die späten Äpfel?

Vermarktung

Die Verwendungsmöglichkeiten sind bei den vielen traditionellen Sorten von Hochstammobstbäumen wesentlich grösser als bei den heutigen Tafelsorten. Namentlich für die Selbstversorgung und den Direktverkauf lassen sich spezielle Produkte herstellen. Mit der Abnahme der Hochstammobstbäume und der Sortenvielfalt sind auch lokale Traditionen der Obstverarbeitung (Dörren, Mosten, Vergären) verloren gegangen. Die Herstellung, die eigentliche Wertschöpfung, muss in vielen Fällen neu erarbeitet (probiert) werden, weil Wissen verloren gegangen ist und sich Konsum- und Qualitätsanforderungen gegenüber früher gewandelt haben. Die Herstellung ist oft mit erheblichem Aufwand verbunden. Die Produkte müssen gut sein. Sie müssen sich abheben von Alltagsprodukten und einen fairen Preis erzielen.

Wenn man weiss, wie Mostobst (Fallobst) eingesammelt, transportiert, nach dem Mosten geklärt und behandelt wird, wundert man sich nicht mehr, dass der Konsum von "Süssmost" stagniert. Das Getränk wirkt meist dünn, fad. Süssmost ist nicht gleich Süssmost. Je reifer und aromatischer die Äpfel, desto gehaltvoller wird der Most. Die Qualität ist wesentlich von der Verwendung reifer, gesunder, sauberer Früchte in guter Sortenmischung abhängig. Und genau hier haben alte Sorten dank ihrer Geschmacksvielfalt grosse Vorteile. Die Qualität des Mostobstes muss stimmen. Nur so kann auf die Zugabe von Ascorbinsäure und auf die Klärung des Saftes verzichtet werden. Mit jeder Klärung gehen auch Aromastoffe verloren.

Die Degustation von Spezialsüssmost mit verschiedenen Sortenmischungen zeigt dem Konsumenten eindrücklich, was man aus Äpfeln machen kann. Umgekehrt merkt man auch, dass man mit schlechten Äpfeln nicht mosten sollte. Billiger schlechter Most macht das Produkt kaputt. Der spezielle Süssmost (und der Gärsaft) aus der Gegend muss neu lanciert werden. Die neuen 5 und 10 Liter Gebinde (Bag in Box) und lokale Kundenmostereien bieten gute Möglichkeiten für eigene Kreationen. An der Degustation und im Verkauf fand Apfelsaft mit 5 Prozent Quitten grossen Anklang. Kinder bevorzugten Apfelsaft mit 20 Prozent Schweizer Wasserbirne.

Verwertbare Früchte

Wenn sie nach guten Früchten für Ausstellungen oder Spezialprodukte suchen, merken sie rasch, wie viele Hochstammobstbäume in einem schlechten Zustand sind. Nur wenn die Bäume einigermassen gesund sind, können sich brauchbare Früchte entwickeln. Für die Erhaltung der Feldobstbäume genügt es bei weitem nicht, wenn aufgrund irgendwelcher Ideen Bäume gepflanzt werden. Zahlreiche praktische Erkenntnisse rund um traditionelle Hochstamm-Hostetten wurden in kantonalen Pilotprojekten gemäss Mehrjahresprogramm Natur und Landschaft des Kantons Solothurn gewonnen. Obstbauern, Bewirtschafter, Baumwärter und Biologen arbeiteten eng zusammen und suchten gemeinsame Lösungen. Nachfolgend sind die wesentlichsten Erkenntnisse kurz zusammengefasst. Der Pflege alter vorhandener Bäume muss hohe Priorität eingeräumt werden. Es dauert sehr lange, bis ein neuer Baum gross ist und Früchte trägt. Eine zielgerichtet-sachgerechte Pflege der Bäume ist eine absolute Grundvoraussetzung für ihre Gesunderhaltung und die Erzielung brauchbarer Früchte. Namentlich dem Baumschnitt kommt grosse Bedeutung zu. Die Pflanzung junger Bäume muss kontinuierlich erfolgen. Veredelte Bäume aus Baumschulen wachsen nach dem Verpflanzen oft sehr schlecht. Es sollten Bäume aus der Gegend (Wildlinge) oder wuchsstarke Sorten gepflanzt werden. Selbstverständlich müssen diese später veredelt werden. Die Sortenwahl ist auf die spätere Nutzung auszulegen.

Kultur – Landschaft

Hochstammobstbäume, Sortenvielfalt regionale Produkte und Konsum gehören zusammen. Der Umgang mit der traditionellen Vielfalt erfordert Wissen, Aktivität und Engagement. Damit das Ergebnis auch im Landschaftsbild sichtbar wird, ist die Zusammenarbeit verschiedener Personen notwendig. Die Ausstellung ist nur ein auffälliger Mosaikstein in einem grösseren Ganzen. Sie bringt Erkenntnisse, wo noch welche Sorten vorhanden sind. Öffentliche Kurse über das zielgerichtete Schneiden von Apfelbäumen, Vorträge und Exkursionen runden das Angebot ab. Das "Forum Doracher - Lebendiges Oberzeihen" gibt Impulse für weitere Aktivitäten.

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