Naturnahe Umgebung |
Zwischen 1982 und 84 wurde in Suhr (Kt. AG) eine neue Verwaltungs- und Verteilungszentrale der Migros Aargau/Solothurn errichtet. Die Gestaltung der rund 20'000 m2 Umgebungsgelände richtete sich nach Grundsätzen der naturnahen Umgebungsgestaltung:
Die gezielte Variation der Standortbedingungen für Pflanzen führte zu einem breiten Angebot unterschiedlicher Lebensräume. Über 200 verschiedene Pflanzenarten wurden in der Umgebung und auf dem Dachgeschoss des Gebäudes eingesät oder gepflanzt. Etliche weitere Arten gelangten mit zugeführtem Bodensubstrat auf das Gelände und wuchsen heran. Spontan aufkommende Pflanzen wurden toleriert und die mit der Vegetationsentwicklung einhergehende, natürliche Veränderung der Lebensräume zugelassen. Die über 400 auf dem Areal vorkommenden Pflanzenarten wachsen heute nicht zufällig verteilt, sondern - entsprechend ihren natürlichen Vorkommen - an den für sie geeigneten Standorten.
Seit Beginn der Umgebungsgestaltung wurde die Zusammensetzung der Vegetation mehrfach dokumentiert.
Erfahrungen
Nach über 15 Jahren unbeeinflusstem Wachstum und natürlicher Ausbreitung sind aufgrund unserer Beobachtungen folgende Aussagen möglich:
Beispiel Ausdauernde Ruderalvegetation:
Die Rohböden wurden innert 3 Jahren von insgesamt rund achzig verschiedenen Pflanzen besiedelt. Die standorttypischen Arten gediehen am besten und prägen bis heute das Bild dieser farbigen, blütenreichen Vegetation. Auch nach 15 Jahren Entwicklung und minimalen Pflegeeingriffen ist die Vegetation der ehemaligen Kiesflächen noch immer niedrigwüchsig, vielfältig und blütenreich.
Während den ersten 5-8 Jahren dominierten die Ruderal- und Pionierpflanzen deutlich. Über die Jahre bildete sich aus abgestorbenen Pflanzen über dem rohen Kies langsam eine 1-2 cm dicke Humusschicht. Die dadurch veränderten Standortbedingungen liessen zunehmend auch das Wachstum von Pflanzen mit anderen Standortansprüchen zu. Vor allem der Anteil von Arten der Fett- und der Magerwiesenarten stieg kontinuierlich.
|
|
Veränderung des Anteils Pflanzenarten verschiedener ökologischer Gruppen auf Untersuchungsflächen auf Rohböden mit Pioniervegetation von 1984 bis 2000. Der Anteil an Ruderal- und Pionierarten hat sich in 15 Jahren um rund 50 % verringert. Alle übrigen Gruppen nahmen zu.
Wird statt der Anteil Arten der Anteil an der Deckung der Vegetation aufgetragen, ergibt sich ein sehr ähnliches Bild.
Lebensräume
Hecken und Gebüsche mit Saumvegetation
| Hecke mit vielfältiger Saumvegetation vor der Unterführung beim Eingangsgebäude des MVS. | ![]() |
Die Hecken wurden ursprünglich sowohl auf humusiertem als auch abhumusiertem Boden gepflanzt. Dies wirkte sich nur in den ersten zwei Jahren wesentlich auf das Wachstum der Gehölze aus. Später bildete sich auf beiden Böden ein geschlossener Gebüschmantel vergleichbarer Dichte.
Entlang der Hecken bilden hochwüchsige Stauden den Übergangsbereich zwischen dem schattigen Gehölzbereich und offener Fläche. Die Gebüschsäume der untersuchten Hecken enthielten im Jahr 2000 über 100 krautige Arten. Besonders bunt und vielfältig entwickelten sich die Krautsäume auf mageren Böden in warmen Expositionen.
| Vielfältige, blütenreiche Ruderalvegetation auf dem Areal des MVS. | ![]() |
Als Ruderalvegetation bezeichnet man Pflanzengesellschaften auf Standorten, die durch äussere Eingriffe oder Störungen immer wieder neu entstehen. Beispiele dafür sind so verschiedenartige Orte wie Schuttplätze, Trümmerfelder, steinige Böschungen, Geleiseanlagen, Kopfsteinpflaster, Abstellplätze oder Wegränder. Ruderalpflanzen haben die Eigenschaft, als Pioniere offene Böden rasch zubesiedeln und innerhalb kurzer Zeit sehr viele Samen zu produzieren.
Nach den Bauarbeiten 1984 verblieben gewisse Umgebungsflächen unhumusiert. Deren Böden bestanden aus vegetationsloser Kiesunterlage. Auf dieses extrem trockene, nährstoffarme Substrat wurden vereinzelt Stauden spezialisierter Pionierarten gepflanzt. Der damals praktisch noch unbewachsene Boden wurde darauf der spontanen Entwicklung überlassen. Das Resultat ist eine sehr bunte, auffällige Krautvegetation von 0.5 bis 1 m Höhe. Im Vergleich zu einer Wiese ist der Anteil blühender Pflanzen viel höher. Gräser sind hier unbedeutend. Da viele der Pflanzenarten einen nur zweijährigen Lebenszyklus haben, ist ein Pflegeschnitt nicht nötig.
Einjährige Ruderalvegetation (Annuellenflur)
| Annuellenflur, in der Mitte die braunen, 10-15 cm langen Halme des Steifgrases Catapodium rigidum. Das Steifgras stammt ursprünglich aus dem Mittelmeerraum. In der Schweiz findet man es gelegentlich auf Abstellplätzen oder in Kiesgruben. | ![]() |
Annuellenfluren sind Pflanzenbestände aus Arten mit einjährigem Lebenszyklus - sog. annuelle Pflanzen. Diese Arten keimen, blühen und fruchten innert weniger Wochen und warten als Same auf die nächste günstige Gelegenheit für die Keimung. Mit dieser Strategie können diese Arten auch extreme Trockenheit und ständige Störung und Terrainbewegung überdauern.
Annuellenfluren sind auf dem Migros-Areal nicht speziell gesät oder angelegt worden, sondern haben sich stellenweise spontan entwickelt. Der rege Lastwagenverkehr auf dem Areal fördet den Eintrag respektive die Verschleppung der winzigen Samen. Ein Beispiel dafür ist das Steifgras, eine kleine Pflanze aus dem Mittelmeerraum, die in der Schweiz bisher nur selten gefunden wird, sich aber in Ausbreitung befindet. Auf den unasphaltierten Abstellplätzen findet man so rund 20 weitere einjährige Arten, die meisten davon kleinwüchsig und unscheinbar.
| Die Rosetten des Langhaarigen Habichtskrauts und die Sprosse des Feld-Thymians bilden auf dem Schotterboden innert weniger Jahre einen lockeren Teppich. | ![]() |
Wo der Kiesuntergrund oder die Mergelauflage sehr dünn ist oder zusätzlich verdichtet wurde, sind die Wachstumsbedingungen für Pflanzen noch schwieriger als auf abhumusierten Rohböden. Wegen der extremen Trockenheit und Nährstoffarmut des Substrates wachsen die vorkommenden Arten nur sehr langsam und bleiben kleinwüchsig. Die mehrjährigen, langlebigen Stauden breiten sich teppichartig über dem Rohboden aus. Sie blühen zwar seltener als unter günstigeren Bedingungen, doch fallen die oft grossen Blüten dieser Arten dennoch auf. Die Bedeckung des Bodens mit Pflanzen übersteigt auch nach etlichen Jahren kaum jemals 80 %. Aufgrund all dieser Eigenschaften eignen sich Pflanzen der Schottersteppe für die extensive Begrünung von Flachdächern.
Lichte Föhren- und Birkenhaine
| Auf der Rohboden-Unterlage des Dachgartens sind Föhren und Birken zu einem jungen Wald herangewachsen. Die Krautvegetation im Unterwuchs ist sehr vielfältig. | ![]() |
Die Flächen auf dem Dachgarten des MVS wurden vor 15 Jahren mit Kies- oder Mergelauflagen von 12-15 cm bedeckt und mit einem grossen Spektrum an Arten bepflanzt. Über eingeschleppte Samen aus dem Substrat oder aus der Luft wuchsen auf den Rohböden schon bald Pioniergehölze wie Föhren, Birken, Weiden und Pappeln auf. 2000 erreichen sie eine Höhe von bis zu 4-5 Metern, bilden einen lockeren "Wald" und prägen jetzt über weite Strecken das Bild des Dachgartens. Im Halbschatten der Gehölze und im Schutz der Brüstung wachsen so auch Pflanzen, die eine direkte Sonnenexposition nicht ertragen könnten.
Mit rund 220 Arten ist der Artenreichtum der Dachgartenflächen auch 2000 noch enorm. In den vergangenen 15 Jahren haben die verbliebenen, etablierten Arten eine zunehmend stabile Pflanzengemeinschaft gebildet. Deren Aussehen ähnelt stark natürlichen Pflanzengesellschaften, wie sie auf Mergelrutschhängen oder in aufgegebenen Abbauarealen vorkommen. Etliche der vorkommenden Pflanzen sind in der Region nur selten zu finden und auf der Roten Liste als gefährdet eingestuft.
| Lichtschacht auf der Westseite des MVS. Im Gebäudeschatten hat sich eine typische Waldvegetation angesiedelt. | ![]() |
Für die Begrünung der Lichtschächte des Gebäudes wurde Aushubmaterial aus Bauarbeiten für eine Waldstrasse verwendet. Aus der Walderde keimten bis heute 186 verschiedene Pflanzenarten.
Heute bildet die Waldvegetation in den Lichtschächten ein dschungelartiges Dickicht. Es dominieren rankenbildende Pflanzen wie Waldrebe und Brombeere sowie hohe Stauden wie Geissbart, Wasserdost und Goldrute. Auch Bäume und Sträucher (Esche, Ahorn, Schwarzer Holunder) sind bis zu einer Höhe von 3-4 Metern herangewachsen.
Auf den geneigten, in den Untergrund eingelassenen Schacht-Flächen verändern sich Feuchtigkeits- und Lichtverhältnisse kontinuierlich. Nach 15 Jahren haben die Pflanzenarten deutlich auf diesen Gradienten reagiert. Im oberen, sonnigsten Teil wachsen Arten der Waldschläge-, -lichtungen und -ränder (Waldrebe, Wasserdost, Johanniskraut) während zuunterst an den schattigsten und feuchtesten Stellen ausgesprochene Schattenpflanzen gedeihen (Wurmfarn, Frauenfarn, Hängende Segge, Waldziest).
| Trockene Magerwiese neben dem Empfangsgebäude des MVS, angesät vor 15 Jahren mit Wildblumen-Saatgut aus dem nahen Jura (Barmelweid). | ![]() |
Die trockene Magerwiese westlich des Empfangsgebäudes wurde mit speziell gesammeltem Saatgut von einem Wildstandort der Region (Jura: Barmelweid) frisch angesät. Ihre Entwicklung schreitet sehr langsam voran und ist auch nach 15 Jahren noch nicht abgeschlossen. Ausgehend von den trockensten Stellen entlang dem Beckenrand haben sich standorttypische Arten wie die Aufrechte Trespe oder die Echte Schlüsselblume deutlich erkennbar ausgebreitet und bilden eine charakteristische, lückige Struktur aus niedrigwüchsigen Wiesenpflanzen.
Andere Wiesen wurden ebenfalls frisch angesät, allerdings mit handelsüblichem Saatgut. Sie sind im Vergleich mit der Wiese neben dem Empfangsgebäude deutlich besser mit Wasser versorgt und wachsen üppiger. Sie bestehen zu über 50 % aus typischen Fettwiesenarten. Nach einer 6-7 Jahren dauernden Entwicklungszeit hat sich die Artenzusammensetzung und die Struktur dieser Wiesen seit 1992 nicht mehr wesentlich verändert.
März 2001
Christoph Bühler